Einsatzhygiene und Eigenschutz bei Einsätzen mit Lithium-Ionen-Batterien Fachliche Einordnung der Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt „RiskBatt“
1. Ausgangslage und Relevanz für die Feuerwehr
Lithium-Ionen-Batterien (LIB) sind heute fester Bestandteil moderner Mobilität, stationärer Energiespeicherung und zahlreicher technischer Anwendungen. Parallel zur zunehmenden Verbreitung steigt die Zahl der Feuerwehreinsätze im Zusammenhang mit Batteriebränden, thermischem Durchgehen (Thermal Runaway) und Havarien beschädigter Energiespeicher.
Das vom Bundesministerium geförderte Forschungsprojekt „RiskBatt“ hat sich systematisch mit den Risiken von Lithium-Ionen-Batterien im Havariefall befasst, insbesondere mit der Freisetzung toxischer und explosiver Gase sowie gefährlicher Stäube. Die Ergebnisse sind für die Feuerwehr von hoher Bedeutung, da sie unmittelbare Auswirkungen auf Einsatzstrategie, Atemschutzkonzepte und Einsatzhygiene haben.
2. Freigesetzte Gefahrstoffe bei Batteriebränden
Die Untersuchungen zeigen, dass bei Batteriebränden und Fehlfunktionen eine Vielzahl gesundheitsgefährdender Stoffe freigesetzt wird. Dazu zählen insbesondere:
Fluorwasserstoff (HF) und weitere fluorhaltige Zersetzungsprodukte aus Elektrolyten
Kohlenmonoxid (CO) sowie weitere toxische Brandgase
Brennbare Kohlenwasserstoffe und Elektrolytdämpfe mit Explosionspotenzial
Feine Stäube und Partikel, u. a. aus Elektrodenmaterialien, Metallen und Elektrolytbestandteilen
Diese Stoffe wirken toxisch, reizend, ätzend und teilweise krebserregend. Die Exposition kann sowohl akut als auch langfristig gesundheitsschädlich sein.
3. Besondere Gefährdungen für Einsatzkräfte
Aus feuerwehrfachlicher Sicht sind folgende Erkenntnisse besonders relevant:
Die Gefährdung endet nicht mit dem sichtbaren Brandereignis. Auch nach dem Ablöschen kommt es zu weiterem Ausgasen und zur Freisetzung gefährlicher Stoffe.
Thermisch oder mechanisch beschädigte Batterien können zeitverzögert erneut reagieren, einschließlich erneuter Gasfreisetzung oder Rückzündung.
Kontaminationen betreffen nicht nur die Atemluft, sondern auch:
persönliche Schutzausrüstung (PSA),
Haut und Schleimhäute,
Geräte, Fahrzeuge und Einsatzstellenbereiche.
Damit handelt es sich nicht um ein klassisches „reines Brandereignis“, sondern um ein kombiniertes Brand-, Gefahrstoff- und Hygienerisiko.
4. Konsequenzen für Atemschutz und Einsatzhygiene
Die Ergebnisse von RiskBatt unterstreichen, dass bei Einsätzen mit Lithium-Ionen-Batterien ein konsequent erweitertes Eigenschutzkonzept erforderlich ist.
Atemschutz
Pressluftatmer sind grundsätzlich und lageunabhängig zu tragen:
während der Brandbekämpfung,
bei Nachlöscharbeiten,
bei Erkundung, Bergung und Rückbau.
Filtergeräte sind aufgrund unbekannter Gaszusammensetzungen und möglicher HF-Freisetzung nicht geeignet.
Einsatzhygiene
Strikte Schwarz-Weiß-Trennung an der Einsatzstelle ist zwingend erforderlich.
Einsatzkleidung ist nach dem Einsatz als kontaminiert zu betrachten.
Eine zeitnahe Dekontamination von Einsatzkräften, PSA und Gerät ist sicherzustellen.
Hautkontakt mit Brandrückständen, Stäuben und Kondensaten ist konsequent zu vermeiden.
5. Bedeutung für Führungskräfte
Für Führungskräfte ergeben sich daraus klare Handlungsfelder:
Lagebeurteilung: Batteriebrände sind frühzeitig als Gefahrstofflage mit hygienischer Relevanz zu bewerten.
Einsatzorganisation: Trennung kontaminierter und sauberer Bereiche ist bereits in der Einsatzplanung zu berücksichtigen.
Personalmanagement: Begrenzung der Einsatzdauer unter Atemschutz und klare Regelungen zur Nachsorge.
Ausbildung und Unterweisung: Sensibilisierung der Einsatzkräfte für unsichtbare Gefahren durch Gase und Partikel.
Nachbereitung: Organisation von Reinigung, Entsorgung und ggf. medizinischer Nachsorge.
6. Fazit
Das Projekt RiskBatt zeigt deutlich, dass Einsätze mit Lithium-Ionen-Batterien eine neue Qualität der Gefährdung für Einsatzkräfte darstellen. Die Risiken beschränken sich nicht auf Hitze und Flammen, sondern liegen insbesondere in der toxischen Exposition und Kontamination.
Für Feuerwehren bedeutet dies: "Einsatzhygiene ist kein ergänzender Aspekt, sondern ein zentrales Führungs- und Sicherheitsinstrument, um die Gesundheit der Einsatzkräfte nachhaltig zu schützen."